Betriebsblindheit (2) „Dieses Gerät wird es niemals schaffen.“

Ging es im ersten Artikel dieser Artikelserie noch um das Thema des Veränderungsstaus aufgrund von Betriebsblindheit, so zeigen wir ihnen in diesem Artikel bereits probate Mittel gegen dieses Phänomen auf: Kreativität - und manchmal auch Dickköpfigkeit!

Link zum ersten Teil der Artikelseire

Es geht um kreative und in der Konsequenz innovative Menschen, welche sich bewusst gegen die vorherrschende Meinung der meisten Menschen im Unternehmen, in der Branche oder gar aus dem Familien- und Freundeskreis gewandt haben und dadurch bahnbrechende Veränderungen geschaffen haben. Die aufgeführten Persönlichkeiten zeigen mustergültig auf, dass es sich lohnt, aus der gewohnten Komfortzone heraus zu treten und für innovative Ansätze zu kämpfen.

Innovation ist der Motor der Menschheit und immer wieder schreiben Unternehmen und dahinter stehende Menschen mit herausragenden Entwicklungen Geschichte. Innovation an sich bedeutet wörtlich "die Erneuerung", wird aber im Allgemeinen mit Neuerfindungen oder guten Ideen in Verbindung gebracht. Betrachtet man Innovation aus der Perspektive der Wirtschaftswissenschaft, so beschreibt die "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" von Schumpeter Innovation bzw. innovative Unternehmen sehr treffend. Demnach sind Innovationen dadurch gekennzeichnet, dass diese ein Unternehmen mit seinem Produkt erst einmal zum Monopolisten werden lassen, so lange bis Nachahmer dieses Monopol mit vergleichbaren Produkten oder Dienstleistungen auflösen. Innovativ sein ist somit ein Baustein erfolgreicher Unternehmen, allein für den Unternehmenserfolg jedoch nicht ausreichend. Hinzu kommen die Veränderungsbereitschaft und der Wille. 

Vom Pferdefuhrwerk zum Automobil

Eine der wohl beeindruckendsten Erfolgsgeschichten hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert, als das Pferdefuhrwerk noch das Fortbewegungsmittel der Wahl war. Es galt als schnell, flexibel und die eleganteste beziehungsweise bequemste Art zu reisen. Dies sah Carl Benz, ein Pionier der deutschen Automobilindustrie ganz und gar nicht so und hatte seine Idee bereits im Jahre 1880 in Planung. In der „Mechanische Werkstätte“ in Mannheim, die später zur „Fabrik für Maschinen zur Blechbearbeitung“ umbenannt wurde, wurde der Grundstein für die wegweisenden Erfindungen rund um das Automobil gelegt. Es dauerte noch ein paar Jahre bis zum ersten Auto und der Entwicklungsprozess schritt nur stufenweise voran. Zuerst fokussierte Carl Benz sich auf die, für den Antrieb notwendigen, Zweitakt-Motoren. Es folgten einige weitere Innovationen, die heute noch auf ihn zurückzuführen sind. Diese sind unter anderem die Batteriezündung, die Drehzahlregulierung, die Wasserkühlung und der Differenzialantrieb. Nach weiteren Rückschlägen und diversen finanziellen Problemen gründete Carl Benz im Jahre 1883 die Firma „Benz & Cie., Rheinische Gasmotorenfabrik Mannheim“ weiterhin mit dem Ziel, ein ganzheitliches Fahrzeug zu entwickeln. In dieser Zeit entstand der Viertakt-Benzinmotor und im Jahre 1885 der „Benz Patent-Motorwagen Nr.1“ als erstes Automobil der Geschichte. Ausgestattet mit 0,8 PS erreichte das motorgetriebene, dreirädrige Fahrzeug eine Höchstgeschwindigkeit von 16 km/h.

Doch wie so häufig in der Geschichte wurde die Innovation von der Gesellschaft erst einmal nicht ernstgenommen, da es für die Allgemeinheit eine so außergewöhnliche Art der Fortbewegung darstellte. Carl Benz erntete viel Spott und Hohn für seinen „Wagen ohne Pferde“. Letztendlich war es seine Frau Bertha, die ihm mit einer Fahrt von Mannheim nach Pforzheim zum Durchbruch verhalf, da sie dadurch die Einsatzfähigkeit des Gefährts unter Beweis stellen konnte.

Innovationen wie Motoren und Karosserien waren es, die das Automobil zu einem weltverändernden Beförderungsmittel machten und eine beispiellose Erfolgsgeschichte einläuteten. Neben viel Sachverstand und technischem Know-how zeigt die Geschichte eines sehr deutlich: Innovation heißt anders denken, Grenzen überschreiten und Rückschläge verarbeiten können.

Betriebsblindheit verhinderte den Durchbruch

Marion Donovan war eine US-amerikanische Architektin und Erfinderin der Einwegwindel. 1946 kam sie durch ihre Kinder auf die Idee, etwas gegen die ständig vollen und auslaufenden Windeln unternehmen zu müssen. Sie nähte auf ihrer Nähmaschine erste Windelhosen aus verschiedenen Duschvorhängen, die über der Stoffwindel getragen wurden. Sie nannte diese Überhosen Boaters, weil sie die Babys "afloat", "über Wasser" hielten.

Die Windel-Überhosen wurden erstmals 1949 auf der Fifth Avenue in New York verkauft, wo sie von den Müttern begeistert angenommen wurden. 1951 ließ Marion Donovan den „Boater“ patentieren. Damals arbeitete sie jedoch bereits an einer noch tiefer greifenden Neuerung, der Wegwerfwindel aus Papier. Marion Donovan stellte ihre Entwicklung in mehreren großen Papierfabriken in den USA vor und wurde weit und breit für dieses unnötige und unpraktische Ding nur belächelt. Was für ein großer Fehler!

Es dauerte fast zehn Jahre, bis Victor Mills, der die Pampers® produzierte, ein Vermögen damit verdienen konnte.

Mobiler Speicher trotz Widerstand

"Zu teuer, zu umständlich, kurz gesagt: überflüssig. Es gibt ja schon die CD-ROM und die 1.44 MB-Floppy-Disk. Vergessen Sie es! Dieses Gerät wird es auf keinen Fall am Markt schaffen", lautete das Fazit einer gut 100-seitigen Marktanalyse.

Dov Moran ließ sich nicht beirren und hat den USB-Stick trotz Widerstand entwickelt. Und er hatte Recht: Das Speichermedium wurde zum Welterfolg. 2001 brachte es seiner Firma M-Systems 45 Mio. US-Dollar ein, fünf Jahre später fast 1 Milliarde. 2006 übernahm der US-Konkurrent SanDisk das Unternehmen von Dov Moran für 1,55 Mrd. US-Dollar.

Und das ist nur die ältere Wirtschaftsgeschichte - denken sie an das Zeitalter der Digitalisierung mit Amazon, Uber, airbnb oder Car2Go. Alle liefern eine Vielzahl an Beispielen für innovative Veränderungen und kreative Menschen, die sich mit ihren Ideen und Produkten zum Ziel gesetzt haben, die Betriebsblindheit zu besiegen und Bestehendes zu revolutionieren oder Neues zu schaffen - Scheuklappen runter, bleiben auch Sie kreativ!

Autor

  • Guido Schmitz

    Guido Schmitz ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Pentadoc AG. Als Berater betreut Guido Schmitz Unternehmen in Prozessen der Strategieentwicklung im Bereich Informationslogistik, führt und moderiert Workshops zum Anforderungsdesign. Guido Schmitz ist ein gefragter Keynotespeaker auf Strategietagungen und Kongressen.

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