Methodik in der Digitalen Transformation (2): Das Digitale Haus und das Fundament

Das digitale Fundament stellt den entscheidenden Faktor für die Umsetzungssicherheit und Transformationsgeschwindigkeit in der Digitalen Transformation dar.

Im Frühjahr 2020 sorgte die Corona-Pandemie für einen enormen Schub im digitalen Wandel der deutschen Wirtschaft. Digitale Technologien spielen seit diesem Zeitpunkt eine noch zentralere Rolle für die tägliche Arbeit und die Funktions- und Reaktionsfähigkeit eines Unternehmens. Dies zeigte sich beispielsweise bei der Entwicklung des Unternehmenswerts des Unternehmens Zoom, welches mit seiner Videokonferenz-Software zur Stelle war. Zoom wurde 2020 zeitweise zu weit mehr als dem 100-fachen seines Umsatzes gehandelt. Den Höchststand erreichte der Aktienkurs im Oktober 2020 mit fast 570 Dollar.

Die Digitale Transformation benötigt Technologien zur Digitalisierung, also praktisch zur Umwandlung von Informationen und Dokumenten von analogen in digitale Formate und deren anschließende Bereitstellung in den Geschäftsprozessen des Unternehmens.

Das digitale Fundament

Das digitale Fundament stellt folglich das entscheidende technische Bindeglied zur erfolgreichen Digitalen Transformation dar und sollte neben allen strategischen Blickrichtungen ganz zu Beginn des Prozesses betrachtet werden. Das Digitale Haus, so wie im Einführungsartikel dargestellt, ist ohne diese solide Grundlage nur ein Luftschloss.

Informationen und Daten werden durch das Fundament zu jeder Zeit digital am richtigen Ort zur Verfügung gestellt und können so spürbare und messbare Mehrwerte im Wettbewerb schaffen. Typische Themen des digitalen Fundaments sind:

  • Input Management
  • Output Management
  • Zusammenarbeit (Collaboration)
  • Elektronische Akte
  • Digitales Archiv
  • Neue Kommunikationskanäle
  • Multikanal-Strategie
  • Mobiles Arbeiten
  • Reporting und Monitoring
  • Prozessmanagement und Automatisierung (Hyperautomation)

Bei der Optimierung und dem stetigen Ausbau des digitalen Fundaments spielen zwei wichtige Faktoren eine große Rolle:

  • Der technologische Fortschritt
  • Die Transformation bestehender Lösungen

Die Transformation bestehender Lösungen scheint auf den ersten Blick sehr einfach zu sein: neue Software installieren, Daten übertragen, alte Software deinstallieren. Wenn das mal so einfach wäre!

In der Praxis sieht man sich immer wieder großen Herausforderungen gegenüber, welche dann häufig zu langen Projektlaufzeiten und hohen Projektkosten führen. Einige Beispiele sind:

  • Schnittstellen und Funktionalitäten in der „alten“ Welt sind nicht dokumentiert.
  • Individuelle Software-Module wurden nicht dokumentiert und die Entwickler sind nicht mehr greifbar.
  • Digitale Daten zu migrieren kann lange Kopierzeiten und ggf. auch Konvertierungszeiten bedeuten – es ist nicht unüblich, dass bei Archivmigrationen der Kopiervorgang mehrere Jahre dauern kann.
  • Neue Lösungen werden immer als quasi „Standard-Lösung“ verkauft und erst in der Einführung stellt sich heraus, dass der Standard doch eher eine Entwicklungsplattform darstellt, auf dieser dann viele der Anforderungen neu entwickelt werden müssen.

Unternehmen werden zukünftig im Bereich der Digitalisierung in einem stetigen Transformationsprozess sein, was insbesondere durch die rasante Weiterentwicklung der Technologien im digitalen Fundament begründet ist.

Neben den grundlegenden Technologien des digitalen Fundaments, die weiterhin im Fokus vieler Transformationsprojekte von Unternehmen stehen, werden neue IT-Trends nicht nur die Diskussionen über die Digitale Transformation beeinflussen, sondern auch den Erfolg der Projekte.

 

Künstliche Intelligenz (KI) / Artificial Intelligence (AI)

Künstliche Intelligenz ist eine der meistdiskutierten Technologietrends der vergangenen Jahre und wird vom Management als Allheilsbringer für die Digitale Transformation gehandelt.

Mithilfe von intelligenten Algorithmen, großer Rechenleistung und riesigen Datenmengen sollen in rasender Geschwindigkeit Entscheidung getroffen werden, welche so schnell und mit diesem analytischen Hintergrund für den Menschen nicht möglich wären.

Die Studie „Künstliche Intelligenz in Unternehmen“ von PwC offenbart bei dem Thema KI in deutschen Unternehmen einen großen technologischen Aufholbedarf: Lediglich 4 % der Unternehmen setzen KI konsequent ein, 2 % implementieren KI-Systeme zurzeit, 17 % planen KI-Einsätze oder testen sie und 28 % halten KI für relevant, planen jedoch keinen Einsatz.

Zitat: „Bis 2025 werden die 10 % der Unternehmen, die Best Practices für KI-Engineering einführen, mindestens dreimal mehr Wert aus ihren KI- Bemühungen generieren als die 90 % der Unternehmen, die dies nicht tun.“

- David Groombridge; Research Vice President, Gartner

 

Abkehr von der Legacy-IT

Der rasante technische Fortschritt, zunehmende strategische Anforderungen von Kunden, Vertriebspartnern und der Gesetzgebung sowie gesunkene Einnahmen zwingen beispielsweise Kreditinstitute oder Versicherungen, bei der Modernisierung ihrer IT neue Wege zu gehen. Man sollte folglich annehmen, dass die Zeit der zentralen und monolithischen IT-Systeme vorbei sei. Doch weit gefehlt. Legacy-System, oder anders gesagt: der gute alte Host, spielen nach wie vor in den IT-Rechenzentren eine dominierende Rolle.

Fintechs und Insurtechs nutzen die veränderten Ansprüche der Kunden im Bereich der Multikanalkommunikation und der Datentransparenz, um den etablierten Banken und Versicherungen den Zugang zum Kunden streitig zu machen. Daneben drängen große Technologiekonzerne in einstige Domänen der großen Player. Marktanteile geraten in Gefahr.

Doch was tun, wenn im IT-Rechenzentrum unzählige, in sich funktionierende aber für heutige Kundenzentrierungsanforderungen nicht ausreichend integrierte, Legacy-Lösungen schlummern? Veraltete Programmiersprachen, fehlende Entwicklerkapazitäten (Experten sind häufig schon im Ruhestand), steigende Supportkosten, unflexible und proprietäre Schnittstellen erschweren darüber hinaus den kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Punktuelle Verbesserungen reichen nicht mehr aus, notwendig wird eine ganzheitliche Strategie für die IT-Modernisierung, die am Kundennutzen orientiert die Digitale Transformation ermöglicht.

Bei der Umsetzung der ganzheitliche Strategie zur Abkehr von Legacy-Systemen, kann der technologische Fortschritt das „Zünglein an der Waage“ spielen. Neue Technologien erleichtern die Modernisierung der IT und helfen zugleich, deren Effizienz zu erhöhen.

 

Die Zukunft liegt in der Cloud

Mittlerweile gibt es für verschiedene Anforderungen im digitalen Fundament nicht nur skalierbare Plattformlösungen (z.B. ERP-, CRM-Systeme) aus der Cloud, auch kleinteilige Funktionsbausteine (Microservices) bzw. spezielle Softwarepakete (z.B. im Bereich der gesetzeskonformen Archivierung) können in der Cloud genutzt werden. Selbst risikoaverse Branchen wie Finanz- und Versicherungswirtschaft können in zunehmendem Umfang Cloud-Dienste sicher nutzen.

Auch die als Wettbewerb eingestuften Fintechs und Insurtechs können als wichtige Bausteine der IT-Modernisierungsstrategie eingebunden werden. Einige dieser Marktteilnehmer bauen zusätzlich zu ihrem zumeist B2C-orientierten Geschäftsmodellen ein B2B-Geschäft auf und vermarkten ihre Lösungen in der Cloud.

Im nächsten Artikel der Serie gehen wir auf eine wichtige Ebene des Digitalen Hauses ein: die Projekt-Methodik.

 

 

 

Autor

  • Guido Schmitz

    Guido Schmitz ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Pentadoc AG. Als Berater betreut Guido Schmitz Unternehmen in Prozessen der Strategieentwicklung im Bereich Informationslogistik, führt und moderiert Workshops zum Anforderungsdesign. Guido Schmitz ist ein gefragter Keynotespeaker auf Strategietagungen und Kongressen.

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